Wie erstelle ich einen Interviewleitfaden?

Wir erklären Schritt für Schritt und anhand von Beispielen, wie Sie einen Interviewleitfaden erstellen können.

Warum qualitative Forschung?

Unabhängig davon, ob Sie sich im Bereich der BWL, der Sozialwissenschaften, der Psychologie oder einem ganz anderen Fachbereich aufhalten: Eine empirische Erhebung von Daten über Interviews bietet sich immer dann an, wenn Sie Ursachenforschung betreiben wollen, wenn Sie eine eigene Idee entwickeln oder Handlungsempfehlungen für eine spezifische Problemstellung generieren wollen, sodass Sie über den Aufwand einer reinen Literatuarbeit hinausgehen. Die Forschungsziele der qualitativen Forschung sind (vgl. Berger-Grabner, 2016, S. 128):

  1. Beschreibung und Verständnis empirischer und sozialer Prozesse
  2. Ableitung von Hypothesen aus dem erhobenen Material
  3. Erarbeitung von Typologien/Klassifikationen
  4. Bildung neuer theoretischer Ansätze

Wichtig für die qualitative Forschung ist, dass Sie mit einer kleineren Stichprobe als bei der quantitativen Forschung arbeiten, sodass die Auswahl der Probanden sehr genau stattfinden sollte (Sampling). Die Bildung neuer theoretischer Ansätze wird dann darüber erreicht, dass die methodischen Erhebungsmethoden nach dem Prinzip der Offenheit gestaltet werden: Das natürliche Umfeld des Probanden soll einbezogen und nicht verfälscht werden. Die Ergebnisse, die Sie dadurch generieren, werden um Besonderheiten bereinigt, um sie dann als idealisierte Typisierung/Kategorisierung präsentieren zu können. Im Gegensatz zur quantitativen Forschung können Sie von diesen Ergebnissen ausgehend zwar keine Generalisierung in Bezug auf die Allgemeinheit vornehmen, Sie können jedoch etwaige Forschungslücken und Fehldenken in der Theorie aufdecken (vgl. Berger-Grabner 2016, S. 128).

Qualitative Forschung

Welche Interviewarten gibt es?

Es gibt verschiedene Interviewarten, die für die qualitative Forschung ausgewählt werden können und entweder kaum strukturiert, grob strukturiert oder strukturiert sind (vgl. Berger-Grabner 2016, S. 133):

  1. Narrative Interviews und ethnografische Interviews (kaum strukturiert)
  2. Problemzentriertes Interview (grob strukturiert)
  3. Leitfadeninterview (strukturiert)

Die Unterschiede ergeben sich hier darüber, ob ein Interviewleitfaden zugrunde gelegt wird oder nicht bzw. ob es über das Formulieren von einigen wenigen Leitfragen hinausgeht. Die kaum strukturierten Verfahren arbeiten beispielsweise über eine einleitende Frage, die das Thema vorgibt – davon abgesehen erzählen die Probanden jedoch frei und in einer natürlichen Gesprächssituation, bei der der Interviewende lediglich Türöffner wie ‚Mh‘ benutzt, um Aufmerksamkeit zu suggerieren, oder über exmanentes Nachfragen weitere Antworten hervorkitzelt. Bei grob strukturieren Verfahren werden einige Fragen erdacht, die es zu beantworten gilt, diese werden jedoch so in das Gespräch eingestreut, wie sie gerade passen, arbeiten also an der natürlichen Gesprächsdynamik entlang (vgl. Berger-Grabner 2016, S. 133-141).

Was ist ein Leitfadeninterview bzw. ein leitfadengestütztes Interview?

Das Leitfadeninterview bzw. leitfadengestützte Interview arbeitet mit einer vorgegebenen Fragestruktur, die für die Forschenden den Vorteil bietet, dass der Fragenkatalog die Interviewführung erleichtert, indem sie sowohl den Forschenden als auch den Interviewten eine Orientierung im Gespräch ermöglicht.

Erstellung eines Interviewleitfadens

Bei der Erstellung Ihres Interviewleitfadens ist es wichtig, dass Sie sich an Ihrer Forschungsfrage und dem Theorieteil Ihrer Bachelorarbeit oder Masterarbeit orientieren, um daraus Fragen für den Interviewleitfaden abzuleiten, deren Ergebnisse dann nach der qualitativen Inhaltsanalyse nach Mayring ausgewertet werden können.

Bei der Erstellung eines Interviewleitfadens für die leitfadengestützten Interviews müssen Sie in der Formulierung der Fragen folgende Punkte beachten (vgl. Berger-Grabner 2016, S. 142):

  1. Die Fragen müssen eindeutig gestellt sein, sodass sie nicht missverständlich ausgelegt werden.
  2. Fragen müssen einzeln gestellt und dürfen nicht gebündelt werden.
  3. Fragen müssen in Alltagssprache gestellt werden.
  4. Fragen müssen offen gestellt sein.
  5. Fragen dürfen nicht wertend oder suggestiv gestellt werden.
  6. Fragen müssen ohne Antwortvorgaben oder Andeutungen gestellt werden.

Wenn Sie diese Punkte beachten, wissen Sie nun, wie die eigentlichen Fragen aufzubauen sind. Bei der Gestaltung des Interviewleitfadens sollten Sie dann weiterhin daran denken, Fragekategorien festzulegen. Diese stellen bereits die deduktiv aus der Theorie Ihrer Arbeit abgeleiteten Kategorien dar, die Sie im späteren Verlauf Ihrer Arbeit zur Auswertung benötigen werden.

Beispiel für Fragen

Interviewleitfaden

Wie schon bei der Erstellung einer Gliederung für Ihre Arbeit, ist es auch bei der Erstellung des Interviewleitfadens wichtig, dass Sie sich an den einzelnen Bereichen der von Ihnen aufgestellten Fragestellung für Ihre Arbeit entlanghangeln:

Anhand der Grafik erkennen Sie, wie die einzelnen Fragekategorien aufzubauen sind. An die einzelnen Fragekategorien für Ihren Interviewleitfaden schließen sich jeweils einzelne Unterfragen an, die in diese Fragekategorie bzw. den Fragekomplex fallen.

Wichtig ist, dass Sie bei der Erstellung des Interviewleitfadens stets im Kopf behalten, dass das leitfadengestützte Interview dergestalt angelegt werden muss, dass die Antworten der Interviewpartner effektiv zur Beantwortung Ihrer Forschungsfrage genutzt werden können.

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das Leitfadeninterview

Tipps für eine gute Interviewführung

Zusammengefasst haben wir hier eine Checkliste, die Ihnen dabei helfen soll, Ihre Interviews effizient zu führen:

  • Tragen die Fragen Ihres Leitfadeninterviews zur Beantwortung der Forschungsfrage bei?
  • Haben die Fragen Ihres Leitfadeninterviews einen Bezug zur Theorie Ihrer Arbeit?
  • Haben Sie Fragekategorien für die spätere Auswertung gebildet?
  • Sind Ihre Fragen offen und nicht mehrdeutig gestellt?
  • Stellen Sie jeweils nur eine Frage und nicht mehrere gleichzeitig?

 


Weitere Informationen finden Sie unter folgender Quelle: Berger-Grabner, D. (2016): Wissenschaftliches Arbeiten in den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften. Wiesbaden: Springer Verlag.

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